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Plädoyer für Menschenfreundlichkeit

Plädoyer für Menschenfreundlichkeit

Bild oben: Die engagierte Rita Süssmuth während ihrer ermutigenden Festrede in der Frankfurter Paulskirche – Foto: Rolf Oeser

 

Am 29.08.2013 feierte das Frankfurter Forum für Altenpflege (FFA), das älteste kommunale Netzwerk von Heimleitenden in Deutschland, sein 20-jähriges Bestehen. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a. D., hielt in der Paulskirche die Festrede und antwortete darin umfassend auf die Frage: Wie muss sich unser Pflegesystem verändern, um der Zukunft gewachsenen zu sein?

Ihren Blick richtete die Festrednerin dabei auf unsere gesellschaftliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und sprach sich für eine neue Qualität im gesellschaftlichen Miteinander und in der Pflege aus. Es gehe darum, dem demografischen Wandel konstruktiv zu begegnen. Sie gestand ein, mit den Jahren eine radikal denkende Politikerin geworden zu sein. Ohne Scheu benannte sie politische Fehleinschätzungen und wie diese korrigiert gehören. Ferner erläuterte sie die Bedeutung von Qualität in vielfältigen Facetten: „Qualität ist sehr viel weiter zu denken, als das, was wir in der beruflichen Professionalität für Qualität halten“, so Süssmuth. Sie stellte besonders die Qualität der Menschenfreundlichkeit heraus, die uns ehrlich danach fragen lässt, wie es einem Menschen in bestimmten Zusammenhängen ergeht, um dann – wenn erforderlich – aktiv zu werden.

 

Um Qualität zu mehren, müssen Politik und Bürgerschaft gemeinsam Verantwortung tragen

Am Gründungsort der deutschen Demokratie sagte Rita Süssmuth an das Frankfurter Forum gewandt: „Ich finde es gut, dass die Menschen, die sich um Ältere kümmern, die Paulskirche gewählt haben. An diesem Ort haben wir gelernt: Auch Bürgerinnen und Bürger haben Verstand“, worauf Applaus erfolgte.

Sie ging darauf ein, dass die in der Paulskirche 1848 formulierten Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ihre Wertigkeit heute keinesfalls eingebüßt hätten. Denn gerade Brüderlichkeit heiße: Nur im Verbund mit anderen Menschen sei ein selbstbestimmtes Leben – auch bis ins hohe Alter – möglich. Nur da finde man auch fürs eigene Urteilen, Denken und Fühlen Bedeutung, eine unabdingbare Voraussetzung für Teilhabe und Integration. Daher schätze sie die FFA-Initiative, die vor zwei Jahrzehnten in Frankfurt begann, als sehr wichtig ein. Denn deren Arbeit für eine bessere Qualität, mit anderen Vorstellungen über älter werdende Menschen, Pflegende, Angehörige und Anforderungen an Politik habe sich bewährt: „Wir brauchen nicht nur Top-down-, sondern ebenso Bottom-up-Politik: Wir brauchen politische Verantwortung und Bürgerverantwortung.“

 

Die Qualität der kommunalen Daseinsfürsorge mit der Stadtgesellschaft gemeinsam sichern

Süssmuths Grundbotschaft lautete: Kommunen haben im demografischen Wandel die Hauptaufgaben wahrzunehmen, „weil sie mit ihren Bürgerinnen und Bürgern etwas entwickelt haben, was zentralisierte Politik auf Bundesebene nicht leisten kann“. Die überschaubaren Gemeinden und Stadtteile, als Orte von Gemeinschaft, Nachbarschaft, Versorgung, Betreuung und Pflege haben eine eigene Kompetenz für Menschen. Die Kommunen hätten bereits frühzeitig Programme für Demenz entwickelt bis dahin, dass Betroffene auch unter bestimmten Bedingungen zu Hause leben können. Die Stadt Frankfurt, als eine der ersten Kommunen, fing im Jahre 2001 an, Projekte für Demenzkranke zu finanzieren, um Pflegeversicherungslücken auszugleichen.

Zum Thema Pflegeversicherung schaute die Rednerin zurück auf die 80er Jahre, als sie noch Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit war. Damals sei das Pflegegesetz konzipiert worden. Die Bonner Politik habe seinerzeit das Alter mit zwei Begriffen besetzt: Betreuung und Pflege. Man sei nicht darauf gekommen, dass verrentete Menschen auch noch etwas anderes als Betreuung und Pflege wollten. Vielmehr sei man davon ausgegangen, dass 70-Jährige fast nichts mehr lernen könnten. Die Kernfrage für die Pflegeversicherung habe sich damals nicht auf Qualität bezogen, sondern einseitig auf die Finanzierung.

„Wie viel darf es kosten und keine Beitragserhöhung!“ Die Pflegeversicherung decke zudem nur einen Teil der Pflege ab. Finanziert wird vorwiegend köperbezogene Pflege. „Und dabei haben wir damals versäumt, in den Kommunen rechtzeitig für bürgerschaftliches Engagement zu sorgen,“ um den fehlenden Teil, die psychosoziale Versorgung, zu ergänzen.

Aufs Heute gerichtet sagte sie: „Was wir sehr verlernt haben, das ist der Bezug zum Menschen, zu seinen Bedürfnissen und Kompetenzen.“ Viele ältere Menschen sagten ihr, dass sie als Person gar nicht mehr vorkämen, wenn sie sich über Pflege informierten: ‚Es geht ja nur noch ums System, um die Sachen und die Kosten. Zum Teil verstehen wir das gar nicht mehr.’

 

Qualität der Integration entwickeln, statt Ausgrenzung zu betreiben

„Ein so reiches Land wie die Bundesrepublik achtet zu wenig darauf, wen es mitnimmt und wen es nicht mitnimmt.“ Süssmuth verwahrte sich dagegen, Alte, Behinderte, Migranten oder AIDS-Kranke auszugrenzen, um die damit verbundenen Probleme zu verdrängen. „Ich will Ihnen sagen, dass in menschlichen Gesellschaften und auch in Unternehmen das Füreinander-Sorge-Tragen mit Geben und Nehmen eine wichtige Rolle spielt.“ Dabei hob sie hervor, dass hierzulande noch immer die kognitive Intelligenz präferiert werde. Doch um die gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben zu bewältigen, seien auch andere Fähigkeiten wertzuschätzen. „Die Amerikaner haben uns beigebracht: Die Intelligenz hat drei Dimensionen, die soziale, die emotionale und die kognitive und die drei gehören zusammen. Wenn wir das begriffen hätten, würden wir der musisch-kulturellen Bildung einen weitaus höheren Stellenwert beimessen, als wir das heute tun.“ Daher fand sie es wunderbar, dass sich aus den Reihen des Forums selbst spontan ein Chor gebildet hatte, der Lieder für das Jubiläum vortrug.

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Bild oben: Begeisterter Chor aus den Reihen des Frankfurter Forums für Altenpflege bewegte das Publikum zum Mitsingen während des Abschlussliedes – Foto: Rolf Oeser

 

Qualität der Beteiligung im Sinne der Teilhabe entwickeln

Im Vergleich zu den 80er Jahren sagte Süssmuth: „Wir haben lange gebraucht, zu einem neuen Altersbild zu kommen – mit all seiner Vielfalt. Ältere Menschen sind keine einheitliche Gruppe. Sie sind so heterogen wie junge Menschen.“ Man könne früh alt und gebrechlich werden, dem stünden 80- und 90-Jährige gegenüber, die körperlich fit sind und einen wachen Geist hätten. Doch bei aller Versorgung und Behandlung gehe es im Alter zunächst um den Erhalt der zwischenmenschlichen Beziehungen, um Teilhabe an der Gemeinschaft. „Das sind wesentliche Beziehungen und es ist ein Zusammenhang, der das Wort Kultur verdient.“

„Eines der wichtigsten Lebensgefühle älterer Menschen ist Zugehörigkeit und so lange wie möglich gebraucht zu werden,“ sagte sie eindringlich. „Sobald ältere Menschen das Gefühl haben `Ich bin eigentlich schon ausgegrenzt´, wird es problematisch.“ Das alles zeige, dass wir in einer tief greifenden Veränderung stecken.

Die meisten älteren Menschen mit Pflegebedarf wohnen in ihren Familien. Viele leben auch alleine, andere leben in einer Wohngemeinschaft, um in Würde zu altern.

Auch die professionell Pflegenden und die Verbände, so Süssmuth, hätten dafür zu sorgen, dass die Älteren kraftvoll blieben. „Das erwarte ich. Das ist eine politische Aufgabe: Das Gefühl, ‚ich habe noch einen Wirkungskreis und bin nicht völlig ohnmächtig und habe Menschen, die mich wertschätzen’, macht das Leben reich.“

Um das zu erreichen, hätten auch die großen Sozialverbände aus bürgerschaftlichem Engagement gelernt. Bürgerinnen und Bürger hätten Ideen, wie man etwas verbessern könne. Und keiner der Verbände – wie AWO, Caritas, Diakonie – würde sagen: „Wir bestimmen, was Ehrenamtliche tun oder nicht tun dürfen. Was getan wird, muss miteinander ausgehandelt werden.“ Daher stellte die Rednerin heraus, dass der jeweils andere Mensch ernst zu nehmen sei, dass seine Gedanken nicht als naives oder unprofessionelles Gerede abgetan werden.

„Bürgerinnen und Bürger in Deutschland sind – und das nehme ich immer wieder wahr – fantasiereich, wenn sie nur dürfen. Oftmals sind sie enttäuscht, wenn sie dann einfach abgewiesen werden. Daher braucht der Seniorenbeirat auf der kommunalen Ebene auch Erfolge. Es reicht nicht, einfach nur dabei gewesen zu sein.“ Denn Erfolg motiviere.

 

Qualität der Pflege ist ohne die Qualität der Menschenfreundlichkeit nicht zu erfüllen

Was die ehemalige Sozialpolitikerin bis heute nicht hinnehmen kann, ist: „Warum unsere Pflegenden so viel Zeit in der Dokumentation und in der Bürokratie verbringen. Das können wir politisch nicht verantworten.“

Auf die aktuelle Debatte eingehend, führte sie aus: „Das, was den Pflegenden passiert, das ist Verdrängung von der Hauptaufgabe. Das führt zu erheblicher Unzufriedenheit der Pflegenden, die den Beruf nicht wegen der Dokumentation, sondern wegen der Pflege ergriffen haben.“ Denn wer Altenpflege erlerne oder aus der Krankenpflege in diese Sparte wechsle, das geschehe aus der Motivation, näher bei den Menschen zu sein. Technokratie, Bürokratie und Dokumentation hätten das Berufsbild jedoch sehr verändert, mit fragwürdigen Folgen für die Qualität der Pflege und die Wertschätzung des Pflegeberufs.

„Wir haben zu lernen, dass die sozialen Berufe, die Schwerstarbeit leisten, die gleiche Wertschätzung erhalten, wie sie ein Handwerker, ein Techniker oder Manager erhält. Sonst kommen wir nicht weiter!“

Um das für die Pflege überhaupt wieder zu erreichen, dazu gehöre mehr Zeit, mehr Personal und mehr Geld. „Geld ersetzt aber nicht die persönliche Wertschätzung, die jeder erfahren muss. Eine Gesellschaft hat dafür zu sorgen, dass diese Wertschätzung wieder eintritt.“

„Ich nenne diese Dinge deswegen, weil ich zu häufig und zu lange Reformen der Pflegeversicherung erlebt habe, in die kaum ethische Werte aufgenommen wurden.“ Wenn Menschenfreundlichkeit nicht hinzukomme, werde der Anspruch an Qualität in der Pflege auch nicht erfüllt. Auch der Politik müsse wichtig sein, wie es den Menschen geht.

 

Bildung und Ausbildung nicht vorrangig unter dem Aspekt der Kosten konzipieren

Süssmuth widersprach der Auffassung, dass sich umfassende Aus- und Weiterbildung nicht rechneten. „Da sage ich, es ist viel teuerer, wenn wir unzureichende Ausbildung und unzureichende Versorgung haben, was zur Überlastung der Pflegenden führt, die selbst dann frühzeitig der Behandlung bedürfen. Es ist mir an diesem Punkt wichtig, dass auch Betriebswirte mehrdimensional und nicht nur eindimensional rechnen.“

Rita Süssmuth sprach der FFA-Initiative ihre Unterstützung in ihren Bemühungen auf dem Weg zu neuem Denken zu. „Das ist ein langer und dorniger Weg.“

„Ich wünsche dem FFA, ich wünsche dieser Stadt, dass sie mit ihren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kräften Bewährtes behalten und Neues entwicklen, um den demografischen Wandel gut zu gestalten. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Initiative weiterhin Erfolg hat.

Und – wenn Sie politisch etwas verändern wollen, dürfen Sie nicht nur warten,
sondern das unbedingt Notwendige kräftig anschieben!“

 

Die Mitglieder des FFA freuen sich, dass Rita Süssmuth eine zukunftsweisende, das FFA und die Stadt Frankfurt bestärkende Rede hielt und gratulierten ihr zum Politik-Award 2013, der ihr am 25.11.2013 in Berlin vom Fachmagazin politik&kommunikation verliehen wurde.



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