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Pflege muss ein gesellschaftliches Projekt werden

Pflege muss ein gesellschaftliches Projekt werden

Ulrich Wendte, Leiter Seniorenpolitik im Land Brandenburg, sagte am 27. April 2015 in Berlin auf der Tagung „Pflege kommunal gestalten“, dass Pflege viel mehr in die Hände der Kommunen gehöre. Er unterstützte seine Forderung durch ein Beispiel aus dem Kreis Uckermark: 20 Prozent der abgehenden Schülerjahrgänge müssten schon heute eine Pflegeausbildung machen, um den Pflegebedarf des Kreises durch Pflegeprofis sicherzustellen. Doch das sei illusorisch!

Bild oben: Auf der Tagung „Pflege kommunal gestalten“ präsentierten die beiden Wissenschaftler Moritz Schnitger (links) und Michael Plazek die Studie zum Thema „Pflege kommunal gestalten“. Foto: Beate Glinski-Krause

 

Auf der Tagung, ausgerichtet von der Bertelsmann Stiftung und dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge, wurden unter anderem Vernetzungen in der Pflege vorgestellt. 16 Kreise und kreisfreie Städte - auch Frankfurt/Main war darunter – waren in einer Studie untersucht worden und boten eine Vielfalt an kommunalen Gestaltungsmöglichkeiten bedürfnisorientierter Pflegestrukturen. Die im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführte Erhebung zeigte Wege auf, die einige Kommunen bereits beschritten haben, um Beratung bürgernah zu organisieren. Die Studie wies zudem nach, dass in einigen Kommunen und Landkreisen das Verhältnis ambulanter zu stationärer Pflege enorm unterschiedlich ist. Diese Phänomene seien sogar unabhängig von den Bundesländern. So gebe es Beispiele von Landkreisen und kreisfreien Städten, die einen Anteil von 20 % stationärer und 80 % ambulanter Pflege haben, während andere einen stationären Versorgungsanteil von mehr als 40 % aufwiesen. Hier müsse genauer geschaut werden, was dafür die Ursachen sind, so Michael Plazek und Moritz Schnitger, die die Ergebnisse präsentierten und dabei erste Erklärungsansätze lieferten.

Im Rahmen verschiedener Workshops und einer Podiumsdiskussion wurden diese Ergebnisse anschließend diskutiert. Wenn nun die Zahl der Menschen mit Pflegebedarf in den kommenden Jahren zunehme, müsse man sich Gedanken machen, wie Versorgungslücken – insbesondere beim Pflegepersonal, das immer knapper wird – kompensiert werden, so zahlreiche Diskussionsteilnehmer. Für das Jahr 2030, so wird vermutet, werde es an einer halben Mio. Pflegekräften fehlen. Daher konzentriere man sich nun auf die kommunalen Infrastrukturen der Gemeinden, in denen die Pflegenden und die Pflegebedürftigen lebten. Man habe ein abgehobenes, nicht zureichendes Finanzierungssystem in der Pflege, eine zunehmende Zerbröselung in den Familien und ein fehlendes nachbarschaftliches Unterstützungssystem, fasste ein Teilnehmer die derzeitige Situation zusammen. Nachbarschaftliche Solidarität muss sich erst entwickeln, um die Pflegebedürftigen möglichst lange in ihrem Umfeld zu halten, was von diesen auch gewünscht sei.

Was Kommunen in den letzten zwei Jahrzehnten seit Einführung der Pflegeversicherung in unterschiedlicher Intensität in der Pflege unternahmen, das unterliege keiner gesetzlichen Regelung und somit auch keinen Finanzierungsgrundlagen. Was möglich sei, das sei daran gekoppelt, welche geldlichen Ressourcen für die kommunale Daseinsfürsorge bestehen. Kommunen, die hier finanziell schlecht gestellt sind, haben somit weniger Gestaltungsspielräume für eine ausreichende Pflegeinfrastruktur, auch wenn die Studienergebnisse der Universität Potsdam keine eindeutige Steuerungswirkung eines höheren Ressourceneinsatzes bei der Stärkung ambulanter Versorgungsstrukturen nachweisen konnten. Dennoch sei hier kommunaler Druck auf die Bundesregierung erforderlich, um sich für die Zukunft zu wappnen, so die Teilnehmer der Podiumsdiskussion.

Die beiden Referenten der Universität Potsdam, Michael Plazek und Moritz Schnitger, hatten die Studie 2013/14 durchgeführt. Die Idee dafür hatten sie bereits 2010, als entsprechende Entwicklungen klar wurden. Dass vernetztes Handeln hilfreich sein kann, um Versorgungslücken leichter zu überbrücken, wurde in einem der Workshops anhand von zehn Thesen dargestellt:

  1. Ermöglicht Informationsgewinn und –transfer und qualifiziert Akteure
  2. Erschließt Verbündete und neue Themenfelder
  3. Erleichtert Konsens und Motivation
  4. Erleichtert Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising
  5. Erleichtert ökonomische Nutzung knapper Ressourcen (Finanzen, Personal, Räume, Mobilität etc.)
  6. Potenziert individuelle Stärken, reduziert individuelle Schwächen
  7. Reduziert bürokratische Hürden (durch persönliche Kontakte)
  8. Verbessert Motivation und Wertschätzungskultur (durch gemeinsames Engagement und gegenseitigen Zuspruch)
  9. Verstärkte Wirkungen
  10. Kann zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen

 

Die Gespräche der Tagungsteilnehmer zeigten, dass Vernetzung das Top-Thema für die Pflegestärkungsgesetz-2-Runde der Bund-Länder-Kommission ist. Die Positionierung der Politik lautet: “Demografischer Wandel funktioniert nur, wenn man bis in die Familien und Haushalte hinein miteinander spricht.“ Ziel ist es, die Menschen rechtzeitig zu erreichen und vorausschauend zu handeln. Wichtig ist es, dass die Generation der Älteren – der gegenwärtigen wie der kommenden – als “Kümmerer” für die Versorgung der Menschen mit Pflegebedarf im Quartier zu gewinnen seien. Eine Position, die der ambitionierte Prof. Klaus Dörner, der auch zugegen war, schon seit Jahren vertritt.

 

Bitte beachten Sie auch den Link
www.wegweiser-kommune.de

 

Text: Beate Glinski-Krause


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