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Mittendrin oder nur nebeneinander, gar ausgegrenzt?

Mittendrin oder nur nebeneinander, gar ausgegrenzt?

Ältere Menschen bedürfen zunehmend der Betreuung und Pflege

Das “Frankfurter Netzwerk Ethik in der Altenpflege” lud ein zur Fortbildung “Integration oder Inklusion in Pflegeheimen“. Sie fand am 7. Oktober 2016 im Frankfurter Pflegeheim Sonnenhof am Park statt. Rund 60 Teilnehmer aus Mitgliedspflegeheimen des „Frankfurter Forums für Altenpflege“ nahmen daran teil. Sie wollten erfahren, wie sich die Bewohnerstruktur in der stationären Pflege verändert und wenn ja, warum und welche Ursachen sich dahinter verbergen.

Bild oben: Thomas Klie plädiert für Ausbau des zivilgesellschaftlichen Zusammenhalts

 

Integration und Inklusion

Susanne Filbert, Mitglied der Geschäftsführung des Ethik-Netzwerks, beschrieb einleitend Integration und Inklusion als Formen der gesellschaftlichen Teilhabe von Heimbewohnern, deren Verhalten heute sehr unterschiedlich sei. Sie sagte, dass Inklusion im Pflegeheim eher eine aufeinander bezogene Gemeinsamkeit der Menschen meine – im gemeinsamen Lebenszusammenhang. Integration bedeute hingegen eine Gemeinsamkeit, die eher in einem Nebeneinander bestehe.

 

Da, wo man leben kann

Als erste Referentin berichtete Sabine Lorey über ein Haus für drogenabhängige Personen. Sie leitet diese Einrichtung mit 14 Wohnplätzen, die in der Nähe von Unna liegt und die kein Pflegeheim ist. Die dort lebenden Klienten seien leistungsberechtigt nach dem Sozialhilferecht (§ 67 SGB XII), weil sie ihre Lebensverhältnisse aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen könnten. Das Haus heißt Dawo – „Da, wo man leben kann“ – und wurde am 15. Januar 2015 bezogen. Unterdessen ist es voll belegt und seine 14 Bewohner sind zwischen 39 und 63 Jahre alt und haben alle eine Pflegestufe. Einige seien durch widrige Familienverhältnisse schon früh in die Drogenlaufbahn geraten, sagte Lorey. Viele äußerten die Sehnsucht, Kontakt zu Menschen zu bekommen, die „normal“ seien, weil sie das nie erlebt hätten. Heute kümmerten sich auch Kolpingfrauen des ortsansässigen Caritasverbandes um die Dawo-Bewohner. Einige von ihnen äußerten gar den Wunsch, einmal im normalen Pflegeheim unterzukommen, was die Leiterin auch für möglich hält.

 

Gesellschaftliche Solidarität stärken – die Kluft von Arm und Reich verringern

Thomas Klie, Professor an der Evangelischen Hochschule in Freiburg, ließ keinen Zweifel daran, dass sich die Bewohnerstruktur in Pflegeheimen auch deswegen verändert, weil es hierzulande eine zunehmende Ungleichheit zwischen Arm und Reich gibt. Er konstatierte: „Wenn wir dagegen etwas tun, bewirken wir mehr für die Gesundheit, als alle Kuren zusammen!“ Klie machte für diese Situation den einseitig ausgeprägten Wohlstand verantwortlich, der Solidaritätsstrukturen untergrabe bis in den familiären Zusammenhalt hinein. „Dieser ist nicht mehr da, wenn man ihn braucht!“ Die Bereitschaft für Solidarität nimmt ab. So kommen viele Pflegebedürftigen in der finalen Phase ins Heim oder Krankenhaus und sterben dort. Das sei kränkend für die Betroffenen. So führten Modernisierungseffekte – auch im Pflegebereich – zu Ausgrenzungen (Exklusion) in existenziellen Lebenslagen. Ausgrenzung beginne für viele Menschen etwa damit, dass sie aus dem Erwerbsleben geraten, den Wiedereinstieg verpassen oder gar in Suchtabhängigkeit geraten. Daher sei die Aufrechterhaltung ihrer Dazugehörigkeit ein notwendiges Ziel, das aus dem zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt erwachse, der der Grundboden dafür sei, gemeinsam als Bürgerschaft zu handeln und soziale Aufgaben zu erledigen. Er sei jedoch vielfach gefährdet, etwa durch unterschiedlich wirtschaftliche Lagen zwischen Stadt und Land.

Aus zivilgesellschaftlichem Engagement sei auch die UN-Menschenrechtskonvention hervorgegangen, die Menschen mit Behinderungen mitten ins Leben bringen wolle, erklärte der Wissenschaftler. Dabei sei in diesem Kontext Inklusion ein schillerndes Wort, das Menschenrechte einfordere, aber auch eine Vielfalt von Lebensentwürfen meine. So sah Klie Demenz als eine Behinderung an, die dem betreffenden Menschen ein Abbruch an sozialer Integration und Wechselseitigkeit verursache. Somit sei Demenz eine Lebensform, auf die dieser Mensch ein Recht habe und er darin zu respektieren und anzunehmen sei.

 

Kein Mensch wird ausgeschlossen, ausgegrenzt oder an den Rand gedrängt

Wie im Franziska-Schervier-Seniorenzentrum in Frankfurt mit Menschen umgegangen wird, die obdachlos waren, beschrieb Schwester Maria Veronika Schmitt an einer Frau, die lange Zeit auf der Straße lebte und seit einigen Jahren dort lebt. Als sie ins Haus kam, sei sie stark alkoholabhängig gewesen. Unterdessen wurden mit Unterstützung von Pflege und Betreuung Wege gefunden, die ihr trotz Suchterkrankung eine geregelte Tagesstruktur und Teilhabe am Gemeinschaftsleben möglich machen. Dennoch könne sie bis heute keine menschliche Nähe zulassen. Im Haus bewege sie sich gerne an den Orten, die ihr Freude bereiten. Sie sei immer höflich, sorge sich um andere Bewohner, räume auf, ernte dafür Dank und werde in ihrem Anderssein von den meisten Mitbewohnern angenommen. Nur manchmal komme es noch zu übermäßigem Alkoholkonsum und damit einhergehendem aggressivem Verhalten. Dieser Frau ist wohl das gelungen, was sich die Bewohner aus dem Dawo-Haus wünschen: Im Kontext mit Menschen aus dem normalen Lebenszusammenhang in einem Pflegeheim zusammen zu sein.

 

Foto und Text: Beate Glinski-Krause

 



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