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„Jenseits der klassischen Systeme denken!“ – Pflegebedürftige Suchterkrankte bringen Pflegeheime zunehmend in eine Zwickmühle

„Jenseits der klassischen Systeme denken!“ – Pflegebedürftige Suchterkrankte bringen Pflegeheime zunehmend in eine Zwickmühle

Am 6. Oktober 2014 fand eine Bürgeranhörung im Caritasverband Frankfurt statt, zu der die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Frankfurt eingeladen hatte. Stephan Siegler, Frankfurts Stadtverordnetenvorsteher, führte kurz ins Thema ein und wies auf Ursula Busch, Sozialpolitikerin im Römer hin, die sich für dieses Problem stark gemacht hatte und den Anstoß für die Veranstaltung gab. Anschließend bekamen die Zuhörer eine Vorstellung darüber vermittelt, wie sich die Lage der stationären Pflege wandelt. Die Politik geht auf diese Situation der Heime ein.

Bild oben: Stephan Siegler, Stadtverordnetenvorsteher, und Prof. Dr. Daniela Birkenfeld, Sozialdezernentin, gehen auf die neue Lage der Frankfurter Heime ein.

 

Pflegeheime brauchen neues Handlungsspektrum

In Altenpflegeheimen sei Sucht ein schwierig anzugehendes Problem, äußerte Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld. Daher seien Suchterkrankungen aus der Tabuzone herauszuheben. Alkohol, Tabletten und Tabak bedingten neue Erkrankungen, die das Leben in Heimen enorm veränderten. Einen Ausweg sah Birkenfeld darin, dass im Vorfeld stationärer Pflege aufsuchende Angebote auszubauen seien, um präventiv zu wirken.

 

Sucht im Alter nimmt zu

Dass derzeit rund 400.000 der über 60-Jährigen hierzulande an einer Sucht leiden – Tendenz steigend – berichtete Prof. Johannes Pantel, Institut für Altersmedizin der Frankfurter Goethe-Universität. Ältere vertrügen zudem Alkohol schlechter, insbesondere dann, wenn sie auf Medikamente angewiesen seien. Jeder siebte Pflegebedürftige habe eine Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit. Daher dürfe „Therapienihilismus“ nicht hingenommen werden, denn es gebe erfolgreiche Therapiemöglichkeiten. Altersbedingte Suchterkrankungen entstünden etwa durch Wegfall beruflicher Arbeitsaufgaben, die nicht durch andere Tätigkeiten kompensiert werden. Bereits täglich eine kleine Flasche Bier – das entspreche rund 10 g reinen Alkohols – könne zu Alkoholmissbrauch führen mit einhergehendem Kontrollverlust. Alkoholabhängigkeit von Patienten sei auch ein großes Problem in internistischen Abteilungen der Kliniken. Ausländische Studien sagten, dass etwa 29 Prozent der in Heimen lebenden Personen schon einmal in ihrem Leben ein bedeutsames Suchproblem durchlebt hätten, so der Referent.

Im Jahr 2004 habe die deutsche Studie „Psychische Störungen in Heimen“ (Hirsch/Kastner) konkrete Ergebnisse erbracht. Damals hätten weniger die Suchterkrankungen im Vordergrund gestanden, als viel mehr die Demenzen und Depressionen. Aber Suchterkrankungen hätten bereits damals den Platz 3 der psychischen Störungen belegt. Dabei trügen auch Ärzte einen Teil an Verantwortung für diese Entwicklung, weil die Verordnung entsprechender Medikamente Abhängigkeiten fördere, die eigentlich z. B. psychotherapeutisch behandelt werden sollten. In derartigen Fällen sei im Pflegeheim auch das professionelle Altenhilfeteam einzubinden, das hier präventiv einwirken könne. Es gehe dabei um einen empathischen Umgang, der den erkrankten Menschen so, wie er ist, annehme, ohne ihm dabei die Autonomie zu nehmen. „Das ist eine sehr schwere Gratwanderung für Pflegende im Pflegeheim.“

Prof. Johannes Pantel, Institut für Altersmedizin der Frankfurter Goethe-Universität

Bild oben: Prof. Johannes Pantel hebt hervor, „Suchterkrankungen im Alter nehmen zu.“

 

Schaden abwenden und das Überleben sichern

Thomas Götz, Psychiater – Gesundheitsamt Frankfurt, führte aus, dass sich Zigaretten- und Alkoholabhängigkeit bis ins hohe Alter erhalten könnten. Die Tablettenabhängigkeit im Alter entstehe häufig durch verschreibungspflichtige Medikation, wobei auch Schlaf- und Schmerzmittel abhängig machten. Es bestünden Schätzungen, dass 25 Prozent der über 65-Jährigen hierzulande abhängig machende Medikamente per Rezept erhielten, was nicht heiße, dass alle davon abhängig werden. Studien zeigten, dass bei zunehmendem Alter die Zahl der Medikamente steige. „40 Prozent der 74- bis 79-Jährigen geben an, dass sie fünf und mehr Medikamente täglich zu sich nehmen. Kommen Alkohol und Zigaretten dazu, entsteht ein Gemisch, das potenziell gefährlich wird“, so Götz.

Auf die Pflege bezogen äußerte er, dass Mitarbeiter in Heimen eine Sisyphosarbeit bezüglich der Suchterkrankten zu erbringen hätten. 4,1 Prozent der heute über 65-Jährigen lebten in Pflegeheimen, es handele sich um eine selektive und relevante Gruppe. Eine Studie von 2012 im ambulanten und stationären Bereich habe gezeigt, das 14 Prozent der Pflegebedürftigen an einer Abhängigkeit litten.

Für die Pflege bedeute dies, dass die Suchtproblematik durch Beobachtung und Befragung abzuklären sei, um überhaupt spezifisch handeln zu können. Dazu dürfe aber kein Betroffener gezwungen werden, das habe die Suchtmedizin erkannt. Pflegende müssten dafür eine empathische Grundhaltung mitbringen, die zur verstehenden Wertschätzung befähige, um die betreffenden Menschen immer wieder zu ermuntern, abstinenzorientierte Angebote anzunehmen. Würden die akzeptiert, müsse unbedingt für eine Rückfallprophylaxe gesorgt werden. Götz plädierte dafür, eine bessere Vernetzung der Akteure in Pflege, Medizin, Suchthilfe und Behörden herzustellen. Unabdingbar notwendig sei es zudem, dafür neue Versorgungsstrukturen zu schaffen.

Thomas Götz, Psychiater - Gesundheitsamt Frankfurt

Bild oben: Dr. Thomas Götz schlägt vor, jenseits der klassischen Systeme zu denken.

 

Zu wenig Personal und fehlende Konzepte für Suchtabhängigkeit im Pflegeheimen

„Die Heimbewohner werden suchtabhängiger und das stellt die Heime vor neue Probleme“, sagte Doris Mauczok, Leiterin im August-Stunz-Altenhilfezentrum der AWO Frankfurt.

Sie verwies auf das städtische Programm „Würde im Alter“, durch das Menschen mit Demenz zusätzlich unterstützt würden. Derartige Hilfen brauche die stationäre Pflege nun auch für Personen mit Suchtabhängigkeiten. Mauczok nannte u. a. folgendes Beispiel. „Eine 67-jähre Frau kommt aus der Psychiatrie direkt ins Pflegeheim. Sie lässt sich nicht pflegen und ihre Freundin versorgt sie mit Alkohol.“

Das habe zu Konflikten mit den Angehörigen geführt. Schließlich habe die Frau eine Entgiftung durchlaufen. Diese Maßnahme sei jedoch an der nicht erbrachten Nachsorge gescheitert. Das sei ein fataler Vorgang für alle Seiten. Auf diese Fälle seien weder das Personal noch die Ärzte ausreichend fachlich vorbereitet.

Die Heimleiterin sagte, dass für Heimbewohner Selbstbestimmung ein hohes Gut sei und fragte zugleich, wo deren Grenzen sind, „In dieser neuen Situation entsteht eine Verantwortung, die wir nicht übernehmen können, weil wir personell dafür nicht ausgestattet sind.“

Doris Mauczok, Leiterin im August-Stunz-Zentrum

Bild oben: Doris Mauczok, Leiterin im August-Stunz-Zentrum, verlangt mehr Personal, um die Situation verantworten zu können.

 

Problemgruppen werden aus Pflegeversicherung nicht finanziert

Eine Zuhörerin stellte in der anschließenden Diskussion klar, dass Pflegekräfte keine Sozialarbeiter ersetzen könnten. „Wie kriegen wir es hin, dass die erforderliche Betreuung und Begleitung in den Heimen da ist?“ Doris Mauczok antwortete: „Dieses Begleitungsbudget ist in der Pflegeversicherung überhaupt nicht vorgesehen.“ Für Menschen mit Suchproblemen bestehe somit keine ausreichende Zeit im Heimalltag. Ob es dann sinnvoll sei, Sucherkrankte in separaten Gruppen zusammen zu führen. Diese Frage beantwortete Olaf Höwer, Heimleiter im Bürgermeister-Gräf-Haus in Frankfurt Sachsenhausen.

 

Spezieller Wohnbereich für suchtkranke Männer im Pflegeheim

Seit 2013 gibt es in diesem Pflegeheim des Frankfurter Verbandes die Wohngruppe EDUARD für männliche Bewohner mit Suchtproblemen. Heimleiter Höwer erläuterte das Konzept, das auch durch zwei getrennte Baukörper gut habe implementiert werden können.

Das vorhandene Personal aus Pflege und Sozialarbeit habe zunächst nicht gewusst, wie mit Sucht umzugehen sei. Man arbeite sich aber voran, was diese besondere Betreuung erfordere. Erkannt habe man zudem, dass es bisher kaum Verbindungen zwischen Suchthilfe und Pflegeheimen gebe. Sobald ein Suchterkrankter die Pflegestufe zwei habe, falle er aus der gesetzlichen Eingliederungshilfe heraus. Es habe bislang keine Angebote gegeben, diese beide Sozialsysteme zu verbinden, was nun für die Wohngruppe versucht werde. Höwer sagte, die Lebensentwürfe der Menschen differenzierten sich künftig immer weiter aus. Er vermutet daher, dass es sowohl Pflegeeinrichtungen nur mit Sucherkrankten, als auch Pflegeeinrichtungen mit gemischten Klienten geben werde.

Olaf Höwer, Leiter im Bürgermeister-Gräf-Haus

Bild oben: Olaf Höwer, Leiter im Bürgermeister-Gräf-Haus, beschreibt die Erfordernisse in Pflege und Betreuung der neuen Wohngruppe EDUARD.

 

Neue Kostenträger in der Pflegeheimfinanzierung

Stephan Siegler fragte nach der Rolle des Landeswohlfahrtsverbandes, der ja auch für die neue Wohngruppe – die psychisch Erkrankten Schutz biete – zuständig sei. Dieser sei hierbei ebenso Kostenträger wie die Pflegekassen auch. Olaf Höwer äußerte dazu, man habe beide Kostenträger Mitte 2014 zu Verhandlungen aufgerufen. Er hofft, dass noch ein Vertrag mit beiden 2014 zustande kommt, um das benötigte Personal für Suchterkrankte auch wirklich einstellen zu können. Frage sei nur, woher dieses bekommen, da es doppelte Kompetenz brauche – pflegerische und suchtzentrierte Begleitung für die neue Bewohnergruppe. Psychiater Thomas Götz ergänzte: „Sie betreten hier Neuland. Für dieses muss Nachhaltigkeit geschaffen werden.“ Da seien völlig neue Konzepte erforderlich. Auch die Hausärzte spielten dabei eine sehr wichtige Rolle, weil nur sie die Sucht diagnostizieren könnten. Er forderte dazu auf, Mut zu entwickeln, jenseits der klassischen Systeme zu denken, um zu guten, praktikablen Lösungen für die Menschen zu gelangen.

 

Text: Beate Ginski-Krause FFA-Netzwerkbüro



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