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Forderung: Neue Ehrlichkeit in der Pflege

Forderung: Neue Ehrlichkeit in der Pflege

Bild oben: Manuela Deppe (links) und Doris Pogantke führten in Stellungnahmen vor Augen, wie es hierzulande um die Situation der Pflege bestellt ist – Foto: FFA-Büro

 

Manuela Deppe, Pflegefachkraft, und Doris Pogantke, Heimleiterin, trugen – nach der Festrede von Prof. Rita Süssmuth – dem Publikum in der Frankfurter Paulskirche am 29.08.2013 zwei Stellungnahmen vor, in denen sie ihre Erfahrungen in der stationären Altenpflege beschrieben.

 

Statement 1 „Ich komme gleich!“
Manuela Deppe – Pflegefachkraft

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Ehre hier in der Paulskirche sprechen zu können und über meinen Beruf der Altenpflege zu berichten.

1976 habe ich meine Ausbildung in der Krankenpflege angefangen. Ab 1979 arbeitete ich im Krankenhaus als examinierte Krankenschwester. Bald merkte ich, dass mir die Nähe zu den Menschen fehlte, die ich pflegte. So bin ich in die Altenpflege gewechselt. Ich wollte die Menschen ganzheitlich pflegen.

Im Laufe meines Arbeitslebens musste ich feststellen, dass der Beruf der Altenpflege an Anerkennung und Achtung verloren hat. Als ich in der Pflege anfing, hatte mein Beruf einen höheren Stellenwert im Ansehen als heute. Da muss man sich fragen, warum?

Die heutigen Bewohner unserer Alten- und Pflegeheime sind wesentlich betagter und pflegeintensiver zu versorgen als noch vor ein paar Jahren. Die Anforderungen an das Pflegepersonal sind gestiegen, gleichwohl wurde und wird das Pflegepersonal weiter gekürzt.

Die Pflege bedeutet für uns Pflegekräfte einen wahren Kraftakt, den es tagtäglich zu stemmen gilt. Haben Sie sich schon einmal gefragt, was das mit uns Pflegenden macht?

Ich kann es Ihnen sagen: Es macht uns krank und traurig. Es führt dazu, dass man irgendwann resigniert und es nicht mehr aushalten kann.

Ich stehe hier, um der Pflege eine Stimme und ein Gesicht zu geben. Ich möchte endlich Schluss machen damit, dass immer mehr Lasten auf unsere Schultern geladen werden, die wir gar nicht mehr tragen können. Ab sofort werden wir laut und deutlich sagen: STOPP – unter diesen Bedingungen können und wollen wir nicht arbeiten.

Diesen Satz “Ich komme gleich!“ verabscheue ich.

Ich versuche ihn mir abzugewöhnen, aber wenn gleichzeitig drei Bewohner nach mir rufen – der eine möchte auf die Toilette, der nächste was zu essen und der dritte möchte gerne aufstehen – sage ich diesen Satz doch. Die Not des Bewohners zu sehen und zu spüren, zu entscheiden, wer muss warten, das bringt auch mich in Not und ich fühle mich manchmal richtig schlecht dabei.

Sieben Stunden pro Schicht reichen nicht aus, das zu bewältigen, was hineingepackt wird. Angefangen von der Pflege und Behandlungspflege, über die Dokumentation bis hin zu begleitenden Gesprächen mit den Bewohnern und den Angehörigen und noch vieles, vieles mehr.

Mit ganzheitlicher, zugewandter Pflege hat unsere Arbeit nichts mehr zu tun. Sie ist eine Funktionspflege geworden. Das entspricht nicht dem, warum ich in die Altenpflege gewechselt bin. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass Bedingungen geschaffen werden, die es uns Pflegenden ermöglicht, eine ganzheitliche Pflege durchzuführen, in einem menschenwürdigen, angemessenen Umfang, damit wir nicht an unserer Arbeit zerbrechen.

 

Statement 2 „So schlimm wie jetzt, war es noch nie!“
Doris Pogantke – Heimleiterin und Mitglied im FFA

Im Namen des Frankfurter Forums für Altenpflege, dem ich als Mitglied angehöre, begrüße ich Sie sehr herzlich. Es ist mir eine große Ehre, vor Ihnen sprechen zu dürfen.

1982 habe ich in der stationären Altenpflege mit meinem Anerkennungsjahr angefangen. Der erste Satz, den ich an meinem ersten Arbeitstag gehört habe, war: „So schlimm wie jetzt war es noch nie!“ Ein Satz, der mich nun seit über 30 Jahren begleitet. Damit verbunden war und ist immer die Frage nach der Zeit. Doch, was ist mit der Zeit in der Pflege? Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern unendlich viel Zeit, die gefüllt werden soll mit Leben. Bei den Pflegekräften eine genau vorgegebene Zeit, die gefüllt ist mit Anforderungen. Wie hat sich die Zeit in den Heimen verändert in den letzten 30 Jahren?

Ein kurzer Rückblick:

Anfang der 80er Jahre gab es eine Aufbruchstimmung in der stationären Altenpflege. Bücher wie: “Öffnet die Altenheime” kamen auf den Markt, mit dem Ziel, die Situation der Altenpflege zu verbessern. Es kamen neu ausgebildete junge Altenpflegekräfte in die Heime mit guten Ideen und viel Engagement. In Frankfurt entwickelten wir zusammen mit dem Versorgungsamt Konzepte zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation in der Altenpflege.

Und wir alle dachten: “Jetzt kommt die Pflegeversicherung und zusätzliches Geld wird zur Verfügung gestellt, um die Ideen auch umzusetzen, um endlich die notwendige Zeit dafür zu haben.”

Aber das Problem mit der Einführung der Pflegeversicherung war, dass es eine große Diskussion über ihre Finanzierung gab. Die inhaltliche Diskussion, was soll wie damit geleistet werden, fand in der Öffentlichkeit nicht statt.

Das wichtigste Ziel der Politik und der Gesellschaft war die Beitragsstabilität. Zusammen mit vielen anderen Faktoren führte dies zu einer Ökonomisierung der Pflege – aber zu unfairen Bedingungen. Die Beitragsstabilität und die fehlende Diskussion über Inhalte führten dazu, dass von Anfang an schon mehr Dinge hineingepackt worden sind, als letzten Endes finanziert wurden:

Mit Einführung der Pflegeversicherung wurden die Pflege und deren Finanzierung auf 21 körperbezogene Verrichtungen des täglichen Lebens festgelegt. Diese 21 Verrichtungen sind maßgeblich dafür geworden, wie viel Personal uns zur Verfügung steht.

Behandlungspflege, soziale Betreuung, Dokumentation, Qualitätsentwicklung mit den notwendigen Schulungen und unendlich viele weitere Anforderungen werden von uns gefordert und genauestens überprüft, aber bei der Zeitbemessung nicht berücksichtigt und damit nicht finanziert. Dies führt zu immer weniger Zeit für die unmittelbare Pflege und Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner.

Seit Einführung der Pflegeversicherung hat es auf der einen Seite enorme qualitative Verbesserungen gegeben. Die Pflegeforschung hat zu vielen neuen und notwendigen Erkenntnissen geführt. Leider ohne Berücksichtigung bei der Bemessung des dafür notwendigen Personals.

Die Einführung eines entsprechenden Personalbemessungsverfahrens wurde Ende der 90er Jahre im Rahmen eines Modellversuchs geprüft. Die Erkenntnis über die daraus notwendigen Stellen in der Pflege und den damit verbundenen Kosten führte jedoch dazu, dass der Versuch abgebrochen wurde und bis heute gibt es kein entsprechendes Verfahren.

Zwei Jahre nach der Einführung der Pflegeversicherung häuften sich die Berichte über schlechte Bedingungen in den Alten- und Pflegeheimen. “Abgezockt und totgepflegt” – so lautete die ZDF-Reportage, die 1998 auf Missstände in den Heimen aufmerksam machte. Das Frankfurter Forum reagierte mit einer Untersuchung zum Thema Gewalt in den eigenen Einrichtungen und stellte die Ergebnisse in der Öffentlichkeit vor. Die Rahmenbedingungen in der Pflege hatten sich mit Einführung der Pflegeversicherung verschlechtert. Immer mehr Anforderungen sollten erfüllt werden mit immer weniger Personal.

“So schlimm wie jetzt, war es noch nie!”

Die Stadt Frankfurt reagierte als einzige Kommune mit einem umfangreichen Sofortprogramm zur Verbesserung der Situation, insbesondere für Menschen mit Demenz.

Jede Prüfung der Einrichtungen durch die unterschiedlichsten Institutionen, jede neue Erkenntnis der Pflegeforschung führen zu immer neuen Anforderungen – ohne aber den notwendigen Personalbedarf zu benennen oder gar zu genehmigen.

In der Veranstaltung des Frankfurter Forums im Frankfurter Römer im letzten Jahr hat Dr. Oliver Wermann, leitender Arzt des MDK im Saarland, für das Bundesgebiet unter Zugrundelegung des geltenden Pflegeschlüssels ausgerechnet, dass höchstens 60 % der vorgeschriebenen Leistungen in der Pflege erbracht werden können. Es gibt viele ähnliche Berechnungen mit immer den gleichen oder ähnlichen Ergebnissen. Aber spätestens seit diesem Vortrag wissen nun alle Verantwortlichen darüber Bescheid. Und diese Pflegesituation erleben die Pflegekräfte und die Bewohnerinnen und Bewohner jeden Tag.

Es wird laut nach noch mehr und noch besseren Leistungen gerufen. Aber keiner schaut, wie viel Zeit eigentlich notwendig ist, um all diese Dinge zu bewältigen. Und das Ganze ist mit immer höheren administrativen Aufgaben verbunden. Alles was wir machen – müssten -, muss dokumentiert werden.

Dies führt zu einem enormen Druck auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Alten- und Pflegeheimen. Die Diskrepanz zwischen dem, was gefordert wird, und dem, was wirklich geleistet werden kann, wird immer größer.

Dies führt dazu, dass es immer weniger Menschen gibt, die bereit sind, unter diesen Rahmenbedingungen in der Pflege zu arbeiten. Rund 30 000 Pflegekräfte fehlen schon heute – die Tendenz ist aufgrund des demografischen Wandels dramatisch steigend.

Damit es zu keinem Kollaps in der Altenpflege kommt, brauchen wir eine neue Ehrlichkeit.

Nur wenn wir alle: Politik, kommunale Selbstverwaltung, Vertreter der Spitzenverbände, Träger – aber auch wir als Heimleitungen – zugeben, dass das, was laut gefordert wird, mit dem zur Verfügung stehenden Personal nicht geleistet werden kann, und auch noch nie geleistet werden konnte, können wir gemeinsam an der Verbesserung der Rahmenbedingungen arbeiten. Lassen Sie uns gemeinsam hier und heute mit dieser neuen Ehrlichkeit beginnen.



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