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„Demenz ist allgegenwärtig und wir müssen uns damit beschäftigen“

„Demenz ist allgegenwärtig und wir müssen uns damit beschäftigen“

Zur bundesweiten Woche der Demenz lud die Alzheimergesellschaft Frankfurt ein zu Thema: „Die Vielfalt im Blick – Vom Ende des Lebens“. Rund 70 Personen fanden sich im September 2017 im Haus am Dom ein. Eindrücklich wurde Demenz in Szene gesetzt eingedenk dessen, dass die Erkrankung langfristig zum Tode führt, worüber eine Fotofilmgeschichte aus den USA der 70er Jahre berichtete.

Bild oben: Ruth Müller – in der Geschäftsstelle tätig – und Hans Karl Müller – im Vorstand der Alzheimergesellschaft – hier in der Pause im Haus am Dom

 

Demenzbetreuung – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Heike von Lützow-Hohlbein, Kuratoriumsvorsitzende der Deutschen Alzheimerstiftung, erzählte zu Beginn eine Begebenheit, die sie selbst erlebte. Ein 85-jähriger Herr fährt mit der Bahn zurück von München nach Frankfurt und zeigt dem Schaffner eine für den Zug ungültige Fahrkarte. Er muss 74 Euro nachzahlen. Nach einem Personalwechsel gibt es eine weitere Kontrolle und der Mann findet seine Fahrkarte nicht mehr. Zu guter Letzt konnte Lützow-Hohlbein, die mit im Abteil saß, den alten Herrn vor einem weiteren Ticketkauf bewahren, weil sie sich einmischte. Vor diesem Hintergrund plädierte sie dafür, dass wir uns in den kommenden Jahren noch viel besser auf Demenz einstellen müssten. Wir hätten uns darauf vorzubereiten, wie wir in Alltagssituationen und im öffentlichen Raum damit umgehen. Moderatorin Jule Hölzgen wartete mit Zahlen auf, denn im Jahre 2050 werde es hierzulande rund 3 Mio. Menschen mit Demenz geben, etwa doppelt so viele wie heute. Aktuell wohnten in Frankfurt 13.000 Personen mit Demenz. Für diesen Personenkreis setzt sich auch die Alzheimergesellschaft Frankfurt ein und richtet Veranstaltungen mit dem Ziel aus, viele Menschen zu erreichen, sie aufzuklären und Hilfen anzubieten.

 

Schmerzliche Lebensphasen annehmen und gestalten

Alexandra Dippel, Gesundheitsamt Frankfurt, erwähnte, dass die Stadt im Jahr 2000 ein Projekt beschlossen habe, das „Frankfurter Programms Würde im Alter“ heißt. Es sorgt im ambulanten und stationären Bereich für eine bessere Versorgung von Demenzerkrankten. Es wird mit 3 Mio. Euro pro Jahr gefördert. Auch die Alzheimergesellschaft werde davon unterstützt und sie wirkt damit in private Haushalte hinein. Denn mit der Diagnose Demenz kämen vor allem Angehörige durcheinander. Sie durchlebten oft schmerzliche Leidphasen und müssten das familiäre Leben völlig neu organisieren. Hilfe von außen könne hilfreich sein, um die Situation qualitativ besser zu bewältigen und sich nicht alleine gelassen zu fühlen. Projekte wie „Aktiv bis 100“, wo es um Körperbewegung geht, oder das Angebot „Artemis“, das Demenzerkrankte und deren Angehörige in das Frankfurter Städel einlädt, helfen, das Leben positiv zu gestalten und sich nicht zu isolieren. Auch die Frankfurter Informationsbörse für gemeinschaftliches Wohnen biete Anregungen, für Demenzerkrankte alternative Lebensräume zu erschließen.

 

Das Älterwerden akzeptieren und sich die eigene Sterblichkeit vergegenwärtigen

Mit der Holzskulptur – Titel „Die garstige Alte“ – verwies die Medizinethikerin Gisela Bockenheimer-Lucius darauf, dass nicht nur der Tod eine Gewissheit ist, sondern auch das Altwerden. Die Skulptur aus dem 15. Jh., die im Frankfurter Liebighaus steht, stellt eine vom Kopf bist zum Nabel körperlich sehr hinfällige alte Frau dar. Der untere Körper hingegen wirkt vom Bauch bis zu den Füssen nicht alt. „Das Altwerden bedeutet – sofern man es denn wird – körperliche und geistige Fähigkeiten zu verlieren. Es erfordert das Abschiednehmen von liebgewordenen Gewohnheiten, weil wir gebrechlich und abhängig werden“, sagte die Referentin. Alter gehe einher mit selbst empfundenem Würdeverlust, mit Ängsten und der Sorge, einsam zu werden. Im Leben Unbearbeitetes melde sich wieder, wolle bearbeitet werden.

 

Dem Demenzkranken Selbstbestimmung ermöglichen

All dieses Erleben mache auch der von Demenz veränderte Mensch. Er leidet unter Vereinsamung, fühle sich unverstanden. Er zeige sich dankbar und angenommen, wenn er in Gemeinschaft ist und sich darin aufgehoben fühlen kann. Zu Beginn der Demenz könne er noch sprechen, aber auch dieses Vermögen lasse nach und er werde buchstäblich sprachlos. Dafür trete bei ihm der leibliche Ausdruck für Gefühle, für Willensäußerungen stärker zu Tage. Diese Ausdrücke richtig auszulegen, sei eine Aufgabe all derer, die ihn kennen und begleiten – z. B. Angehörige und Pflegende. Sie könnten ihm damit eine weitgehende Selbstbestimmung erhalten, indem sie etwa seine Willensäußerungen richtig deuteten, damit er z. B. Bedürfnisse besser befriedigen kann. Sowohl das Pflegegesetz als auch die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen schreiben vor, dass jeder das Recht habe, selbstbestimmt zu leben, hob Bockenheimer hervor. Es obliegt den jeweils Handelnden in Heimen und zu Hause, ob der Demenzerkrankte seine Selbstbestimmung realisieren kann oder nicht, ob sie ihm helfen, selbstbestimmt zu sein oder nicht. Die Akteure brauchen dafür Hilfen und Unterstützung, um die Selbstbestimmung des Demenzerkrankten kreativ, emotional zugewandt und selbstgewiss im Alltag lebendig zu machen. „Der Betroffene fühlt sich gewürdigt, wenn er gehört, ernst genommen und nicht alleine gelassen wird.“ Dass das eine riesige Aufgabe für das Umfeld bedeutet, unterstrich die Referentin. Sie wies darauf hin, dass das städtische „Frankfurter Programm Würde im Alter“ das Netzwerk Ethik in der stationären Altenpflege seit 2007 zu realisieren. Es unterstützt seitdem Pflegekräfte in den Pflegeheimen Frankfurts darin, dass desorientierte Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können.

 

Fotofilm: „Gramp – Ein Mensch altert und stirbt“

„Das Kino kann viel mehr, als einfach unterhaltsam zu sein“, erläuterte Filmjournalist Günther Wagner, der sich mit „Tod und Sterben im den Medien“ auseinandersetzt. Wagner beschrieb die Geschichte des Fotofilms „Gramp“ – gestaltet von Henning Schüler im Jahr 1988 – und der auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den USA in den 70er Jahren beruht. Damals hatten zwei Enkelsöhne im Laufe von Jahren ihren zunehmend an Demenz erkrankenden Großvater fotografiert. Im Film wird dieser Gramp genannt. Die Aufnahmen zeigen den Großvater, wie er „immer mehr ein Fremder in seiner und in der Welt der Familie wird“, sagt Wagner. Eines Tages nimmt Gramp sein Gebiss aus dem Mund und signalisiert, dass er nicht mehr leben wolle. Die Familie, die kaum noch von Nachbarn besucht wird, entscheidet sich, dass der Großvater in der Familie weiterleben und seine Würde nicht verlieren sollte. Dank dieses Zusammenlebens mit dem Großvater bis zu dessen Tod habe jedes der Familienmitglieder viel gelernt, am meisten über sich selbst.

 

Text und Foto: Beate Glinski-Krause



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